Einkaufen gehört zu meinem Alltag. Und trotzdem ist es für mich jedes Mal ein kleines Abenteuer.
Für viele Menschen ist Einkaufen etwas, das man eben erledigt. Einkaufsliste schreiben, zum Supermarkt fahren, durch die Gänge gehen, bezahlen und wieder nach Hause.
Ich gehe nicht einfach nur einkaufen. Ich nehme wahr. Sehr viel wahr. Geräusche, Gerüche, Licht, Menschen, Gespräche, Bewegungen, Stimmungen. Dazu kommen unzählige Entscheidungen. Und irgendwann merke ich: Mein innerer Akku wird immer leerer.
Dabei möchte ich gar nicht behaupten, dass jeder hochsensible Mensch Einkaufen genauso erlebt wie ich. Hochsensibilität ist individuell. Aber ich möchte heute einmal erzählen, wie ich persönlich meinen Einkauf erlebe – und warum ein eigentlich ganz gewöhnlicher Supermarktbesuch für mich jedes Mal so viele Eindrücke bereithält.
Ich gehe „nur schnell“ einkaufen
Das ist wahrscheinlich einer meiner Lieblingssätze: „Ich gehe nur schnell einkaufen.“ Wenn ich das sage, klingt es nach einer Kleinigkeit. Ich brauche vielleicht Milch, Brot, ein paar Lebensmittel und vielleicht noch das eine oder andere, das gerade fehlt. Also los.
Ich betrete den Supermarkt und zunächst ist eigentlich alles ganz normal. Doch dann beginnt es.
Das Licht ist hell. Menschen laufen durch die Gänge. Einkaufswagen werden geschoben. Irgendwo spricht jemand laut. Ein Kind quengelt. Eine Kasse piept. Jemand telefoniert. Und mein Gehirn scheint zu sagen: „Alles registrieren, bitte!“
Ich würde manchmal gerne einen kleinen Schalter umlegen und sagen: „Heute bitte nur die Milch wahrnehmen. Alles andere ausblenden.“ Leider funktioniert das nicht ganz so einfach.
Ich nehme viel mehr wahr, als ich eigentlich möchte
Wenn ich durch einen Supermarkt gehe, nehme ich meine Umgebung sehr intensiv wahr. Da sind die vielen Farben und Verpackungen. Die Musik oder die Geräusche der Kühlanlagen. Menschen, die an mir vorbeigehen. Gespräche, die ich gar nicht bewusst mithören möchte, die aber trotzdem bei mir ankommen.
Und dann sind da die Stimmungen. Ich bemerke, wenn jemand hektisch ist. Wenn jemand genervt wirkt. Wenn eine Person offensichtlich unter Zeitdruck steht. Vielleicht kennt ihr das: Ihr steht an einem Regal und plötzlich kommt jemand ziemlich hektisch um die Ecke. Für mich ist das nicht einfach nur:„Da läuft jemand vorbei.“ Ich nehme die Hektik wahr.
Und manchmal spüre ich sie anschließend selbst. Das ist eine der Seiten meiner Hochsensibilität, die ich im Alltag immer wieder bemerke.

Und dann sind da noch die Entscheidungen
Eigentlich wollte ich doch nur Brot kaufen. Aber dann stehe ich vor dem Brotregal. Und plötzlich gibt es gefühlt 37 verschiedene Möglichkeiten. Welches Brot nehme ich? Das Vollkornbrot? Das mit den Körnern? Das, was ich schon kenne? Oder doch einmal etwas Neues?
Klingt banal. Ist es wahrscheinlich auch. Aber wenn ich ohnehin schon viele Reize verarbeite, können selbst solche kleinen Entscheidungen irgendwann anstrengend werden. Und beim Einkaufen gibt es davon jede Menge: Welche Tomaten? Welcher Joghurt? Große Packung oder kleine? Günstiger oder das Produkt, das ich lieber mag? Natürlich treffe ich diese Entscheidungen. Aber ich merke auch, dass sie Energie kosten.
Ich gehe durch den Laden – und mein Akku wird leerer
Vielleicht kann man meinen Einkauf am besten mit einem Handy-Akku vergleichen.
Am Anfang:100 Prozent.
Ich komme in den Supermarkt. Noch alles gut.
Dann kommen die vielen Menschen: 90 Prozent.
Das helle Licht: 80 Prozent.
Die Geräusche: 70 Prozent.
Die vielen Entscheidungen: 60 Prozent.
Eine hektische Situation neben mir: 50 Prozent.
Ein volles Regal, an dem ich mich entscheiden muss: 40 Prozent.
Und irgendwann merke ich: „Okay. Mein Akku wird gerade ziemlich leer.“
Das Lustige daran ist: Von außen sieht man das wahrscheinlich gar nicht. Ich stehe da und schiebe meinen Einkaufswagen. Ich sehe vielleicht völlig normal aus. Aber innerlich läuft mein Verarbeitungsprogramm auf Hochtouren.
Besonders schön: die Kasse
Und dann kommt der Moment, auf den ich mich natürlich ganz besonders freue: Die Kasse. Endlich geschafft! Oder vielleicht auch noch nicht ganz?
Denn an der Kasse kommen noch einmal einige Reize zusammen: Das Piepen der Kasse. Die Waren, die schnell über das Band gezogen werden. Die Menschen hinter mir. Und manchmal dieses Gefühl: „Mach schneller.“
Ob diese Menschen das tatsächlich denken, weiß ich natürlich nicht. Aber manchmal fühlt es sich für mich so an. Ich möchte niemanden aufhalten. Ich möchte nicht, dass jemand hinter mir warten muss. Also versuche ich, alles möglichst schnell zu machen.
Und genau da merke ich manchmal: Ich bin eigentlich schon völlig reizüberflutet – und versuche gleichzeitig, möglichst souverän zu funktionieren.

Wenn ich wieder draußen bin
Und dann öffnet sich die Tür. Ich gehe hinaus: Frische Luft. Ein bisschen mehr Platz. Weniger Stimmen.Weniger Menschen.
Und plötzlich merke ich erst, wie anstrengend der Einkauf eigentlich war. Manchmal denke ich dann: „Wow. Ich wollte doch nur ein paar Lebensmittel kaufen.“ Ich setze mich ins Auto. Und bevor ich losfahre, brauche ich manchmal einfach einen Moment.
Keine Musik. Keine Gespräche. Keine weiteren Informationen. Einfach Ruhe. Mein Kopf darf langsam wieder leiser werden.
Warum ich mich dafür früher manchmal selbst kritisiert habe
Lange Zeit hätte ich vielleicht gedacht: „Warum bin ich nach einem Einkauf eigentlich so fertig?“ Andere Menschen gehen einkaufen und fahren danach noch zum nächsten Termin.
Warum brauche ich danach erst einmal Ruhe? Bin ich zu empfindlich? Stelle ich mich an? Müsste ich das nicht besser können?
Heute sehe ich das anders. Meine Hochsensibilität bedeutet für mich, dass ich meine Umwelt sehr intensiv wahrnehme und viele Eindrücke tief verarbeite. Und wenn auf engem Raum sehr viele Reize gleichzeitig auf mich einwirken, darf das anstrengend sein. Ich muss mich dafür nicht mehr verurteilen.
Ich habe gelernt, besser auf meinen Akku zu achten
Ich kann den Supermarkt nicht verändern. Ich kann nicht dafür sorgen, dass plötzlich alle Menschen leise sind, das Licht gedimmt wird und niemand mehr hektisch durch die Gänge läuft.
Aber ich kann etwas anderes verändern: Wie ich mit mir selbst umgehe.
Ich kann mir beispielsweise überlegen, wann ich einkaufen gehe. Wenn es möglich ist, wähle ich lieber Zeiten, in denen weniger los ist. Ich schreibe mir eine Einkaufsliste. Das klingt vielleicht unspektakulär, hilft mir aber tatsächlich. Denn wenn ich weiß, was ich brauche, muss ich nicht noch mehr Entscheidungen treffen. Und ich erlaube mir inzwischen auch, dass ein Einkauf Energie kosten darf.
„Ruhe danach“ gehört für mich auf die Einkaufsliste
Wenn ich heute eine Einkaufsliste schreiben würde, könnte sie ungefähr so aussehen:
☑ Milch
☑ Brot
☑ Gemüse
☑ Lieblingsjoghurt
☑ irgendetwas, das ich garantiert wieder vergesse
und ganz unten:
☑ Ruhe danach
Denn genau das ist für mich ein wichtiger Teil geworden. Ich muss nicht nach dem Einkauf sofort wieder funktionieren. Ich darf nach Hause kommen und erst einmal ankommen. Vielleicht eine Tasse Kaffee trinken. Vielleicht ein bisschen Musik hören. Vielleicht einfach gar nichts.
Denn Selbstfürsorge bedeutet für mich nicht nur, schöne Dinge zu tun. Selbstfürsorge bedeutet manchmal auch: Ich weiß, was mich Energie kostet – und plane meine Erholung mit ein.
Und trotzdem gibt es auch schöne Momente
Bei all dem möchte ich eines nicht vergessen: Einkaufen ist für mich nicht ausschließlich negativ. Meine intensive Wahrnehmung kann auch etwas Schönes sein. Ich sehe die Farben von frischem Obst und Gemüse. Ich rieche das frisch gebackene Brot. Ich entdecke manchmal etwas, das ich noch nicht kenne. Ich freue mich über eine freundliche Begegnung

Hochsensibilität bedeutet nicht, dass ich mich von allem zurückziehen muss
Das ist mir besonders wichtig. Ich möchte nicht sagen: „Als hochsensibler Mensch solltest du Supermärkte vermeiden.“ Darum geht es für mich nicht. Es geht vielmehr darum, mich selbst besser zu verstehen.
Ich weiß inzwischen: Einkaufen ist für mich reizintensiv. Also darf ich entsprechend mit mir umgehen. Ich darf meine Bedürfnisse berücksichtigen. Ich darf einen ruhigeren Zeitpunkt wählen. Ich darf eine Pause machen.
Ich darf auch einmal sagen: „Heute ist mir der Supermarkt zu viel.“ Und vielleicht gibt es Tage, an denen es völlig problemlos funktioniert. Auch das gehört dazu.
Hochsensibilität bedeutet für mich nicht, jeden Tag gleich auf Reize zu reagieren. Es kommt darauf an, wie voll mein persönlicher Akku bereits ist.
Mein Einkauf ist mehr als ein Einkauf
Wenn ich heute über meine Einkaufserlebnisse nachdenke, sehe ich darin eigentlich ein ziemlich gutes Beispiel dafür, was Hochsensibilität im Alltag bedeuten kann.
Von außen betrachtet passiert nichts Besonderes:
Eine Frau geht in einen Supermarkt. Sie kauft Milch. Sie nimmt Brot. Sie steht an der Kasse. Sie bezahlt. Sie fährt nach Hause.
Und trotzdem kann im Inneren unglaublich viel passieren.
Genau deshalb möchte ich über solche Alltagssituationen sprechen. Denn Hochsensibilität zeigt sich nicht nur in großen, außergewöhnlichen Momenten. Sie zeigt sich manchmal mitten im Supermarkt. Zwischen Obst und Gemüse. An der Kühltheke. Vor dem Brotregal oder an der Kasse, während hinter einem jemand ungeduldig wartet.
Und vielleicht kennst du dieses Gefühl auch
Vielleicht gehst du ebenfalls „nur kurz“ einkaufen und brauchst danach erst einmal Ruhe. Vielleicht bist du nach einem vollen Supermarkt völlig erschöpft. Vielleicht nimmst du die Stimmung anderer Menschen wahr und weißt manchmal gar nicht, warum du plötzlich selbst angespannt bist. Oder vielleicht hast du dich genau deshalb schon oft gefragt: „Warum ist Einkaufen für mich eigentlich so anstrengend?“
Dann möchte ich dir eines mitgeben:
Du musst dich dafür nicht schämen.
Du bist nicht falsch.
Du bist nicht automatisch „zu empfindlich“.
Du darfst deine Wahrnehmung kennenlernen und herausfinden, was dir guttut.
Für mich gehört genau das zu einem glücklichen Leben mit Hochsensibilität: Nicht gegen meine Sensibilität anzukämpfen, sondern sie zu verstehen.
Und manchmal gehört dazu eben auch, nach einem Einkauf nach Hause zu kommen, die Taschen abzustellen, tief durchzuatmen und zu denken: „Geschafft. Jetzt brauche ich erstmal Ruhe.“ 💛
- Datenschutz & Impressum (1)
- Frederike (10)
- Gedankensprünge (4)
- Lesezeit (10)
- Mein Leben als Intro (26)
- Meine Gedanken (31)
- Persönliches (5)
- Rückblicke (14)
- Über mich (2)
- Wertschätzung (8)
- Workshops & Veranstaltungen (1)